Die Idee, dass etwas unerklärliches aus den Wolken fällt, ist nicht unbedingt neu. Der Ansatz ist aber für eine fantasitische Geschichte einfach genial, da bestimmt jeder von uns (zumindest in der Kindheit) schon mal davon geträumt hat, dass ihm auf diese Weise ein - gerne positiver - Schickalsweg eröffnet wird.

 

 

Das Ding aus den Wolken II

 

 

Bob lebt nun schon so viele Jahre in seinem selbst gewählten „Exil“ in Alaska. Und immer noch ist er ist von diesem Land Fasziniert. Obwohl Alaska von der Fläche her betrachtet der größte der USA ist, leben hier nur sehr wenige Einwohner. Dies hilft Bob ja, hier weiter unerkannt und unbehelligt von der deutschen Justiz zu leben. An das subpolares Klima, durch das die Winter in dieser Gegend sehr lang und kalt sind, hat er sich mittlerweile angepasst. Im Gegenteil, er genießt die wunderschöne nördliche Natur bzw. auch den herrlichen Kontrast der Landschaft zwischen Wäldern und schneebedeckten Bergen, zwischen denen Seen schimmern. Und dann die Tierwelt! Sie ist so vielfältig wie das Land selbst. Im weiten, baumlosen Landesinneren durchstreifen große Karibu-Herden die Tundra; inmitten üppiger Wälder fischen mächtige Kodiak Braunbären in den Flüssen nach Lachsen oder suchen nach Wurzeln und Beeren; an den Flüssen versammeln sich zur Lachssaison gegen Jahresende Bären und Weißkopfseeadler, um sich die Lachse schmecken zu lassen.

 

Bergziegen, Widder, Büffel, Moschusochsen, Elche, schwarzgeschwänztes Sitka-Wild, Rentiere und riesige amerikanische Elche hat er in seiner Umgebung schon gejagt. Wobei ein Elchbulle bis zu 180cm Schulterhöhe erreichen kann und mit entsprechender Vorsicht behandelt werden muss. Daneben jagt er auch die vielen kleinen Pelztiere, die hier sehr zahlreich vorkommen. Z.B. Otter, Bieber, Nerze, Wiesel, Bisamratten, Hasen und verschiedene Erdhörnchenarten.

 

Die Zahl der Singvögel, Seevögel, Schwäne, Kraniche, Enten, Gänse Habichte, Falken und Adler, die das ganze Jahr hier zu sehen sind, kann Bob nicht abschätzen. An der Küste findet er Seelöwen und weiter draußen in der Bucht auch verschiedene.

 

Besonders im Winter bekommt er auch häufig Besuch von Wölfen. Die sind aber leichter zu vertreiben als ein großer Bär, der um seine Nahrungsvorräte herumstreicht. Nun, auch dieses Problem hat er zum Glück gut in Griff.

 

Alle diese Gedanken gehen Bob durch den Kopf, während er mit seiner Jagdbeute auf dem Heimweg zu seiner Hütte ist. Plötzlich wird er aber jäh aufgeschreckt. Vor ihm schießt ein Feuerblitz aus den Wolken und ihm folgt ein lauter Donnerschlag. Die Einschlagstelle ist von seinem jetzigen Standort höchstens einen Kilometer entfernt und ist jetzt durch eine Rauchsäule gekennzeichnet.

 

Es dauert auch nicht lange, bis Bob die Einschlagstelle erreicht hat. Was er nun sieht, lässt ihn vermuten, dass hier ein Flugzeug angestürzt sein muss. Die Trümmerteile sehen jedenfalls ganz danach aus. Obwohl, bei näherer Betrachtung fällt Bob auf, dass es sich doch mehr um eine Rakete handeln müsste, da keine Tragflächen – oder Reste davon – zu finden sind. Nun, letztlich ist ihm das auch zweitrangig, da er zunächst nach Opfern sucht. Aber so gründlich er das auch anstellt, verunglückte Menschen und Blutspuren kann er nicht entdecken. Einen zerrissenen Sack? mit undefinierbarem Inhalt und voller grünblauer Flüssigkeit lässt er vorsichtig unberührt, weil er Angst vor einer möglichen Vergiftung hat. Bob ist einerseits ganz froh darüber, keine toten Menschen zu finden, auf der anderen Seite ist das aber auch etwas seltsam. Aber er untersucht die Absturzstelle weiter. Vielleicht findet er Teile oder Gegenstände, die er noch für sich gebrauchen kann.

 

Die Metallteile der Verkleidung des Flugobjektes waren nur bedingt brauchbar. Mit anderen Teilen, die wohl zur Steuerung und zum Antrieb gehören, konnte er nichts anfangen. Einige andere Teile, deren Zweck er nicht erraten konnte, untersuchte er dann etwas genauer. Aus einem aufgerissenen Behälter zieht er ein im unbekanntes Gerät?/ Ding heraus, dass keine Beschädigungen aufzuweisen schien. Bob versuchte die Form und das Aussehen dieses Teils in sein Weltbild einzuordnen. Aber alles was er erkennen kann, ist ein eiförmiger Hauptkörper mit seitlichen Griffen? (so sieht es jedenfalls für Bob aus) und einem offenem Rahmen, der fest am Hauptköper befestigt war.

 

Ganz instinktiv fasste Bob das Ding an den seitlichen Griffen? an und hob es hoch. Dabei bemerkte er sofort, dass sich scheinbar das Gewicht des Dings verändert. Beim Hochheben wurde es leichter!? Als er das Ding in Kopfhöhe hatte, wog es scheinbar gar nichts mehr. Bob senkte das Ding wieder ab und das Gewicht nahm wieder zu. Bob bekam einen Schreck, weil er sich das nicht erklären konnte. Aber er hob es nochmals bis in Kopfhöhe hoch und spürte dann wieder kein Gewicht mehr. Der offene Rahmen, der noch an dem Ding befestigt war, befand sich jetzt genau vor seinen Augen. Bob schaute hindurch und sah die Landschaft dahinter wie durch einen Bilderrahmen. Er meinte auch ein leichtes flimmern zu bemerken – schob diesen Effekt aber auf das nachlassende Tageslicht und seine Anspannung. Letztendlich beschloss er, die Untersuchung der Unglücksstelle abzubrechen und dieses Ding mit in seine Hütte zu nehmen.

 

Am nächsten Morgen – bei überraschend guten und sonnigem Wetter – nahm er sich das gestern gefundene Ding vor seiner Hütte nochmals zur Untersuchung vor. Wieder hob er es in Kopfhöhe und spürte den Gewichtsverlust. Das war wirklich faszinierend! Er bemerkte auch wieder das leichte Flimmern in dem „Rahmen“. Bob schaute sich durch diesen die vor ihm liegende Landschaft an. In einiger Entfernung zog eine Elchkuh durch das Sumpfgebiet. Durch einen unbewussten Jagdreflex nahm Bob das Ding aus seinem Gesichtfeld, um die Elchkuh aus anderem Blickwinkel zu beobachten. Und zur Verblüffung von Bob war die Elchkuh nicht mehr zu sehen. Er nahm das Ding wieder vor sein Gesicht und er entdeckte die Elchkuh wieder. Ein neuer Blick neben den Rahmen und die Elchkuh verschwand und kam wieder beim Blick durch den Rahmen.

 

Bob empfand diesen Effekt als unheimlich. Wie konnte das sein? Wieder zeigte ihm der wechselnde Blick durch und neben den Rahmen diese Erscheinung. Und jetzt wurde es für Bob noch unheimlicher: Die Elchkuh trabte von links nach rechts durch den Rahmen und war schon weit in Sumpf eingedrungen. Beim Blick neben den Rahmen sah er auch eine Elchkuh den gleichen Weg laufen, aber zeitversetzt um vielleicht drei oder vier Minuten. Wieder und wieder verglich er die beiden Blickwinkel und kam zu der festen Überzeugung, dass er die selbe Elchkuh, aber tatsächlich zeitversetzt sah.  

 

Die Elchkuh verschwand aus dem „Rahmenbild“ ins dichte Unterholz und neben dem Rahmen war sie noch einige Zeit zu sehen bis sie dann auch verschwand. Bob war völlig perplex und auch irgend ängstlich. Was hatte er hier in der Hand? War dieses Ding nicht nur unheimlich, sondern auch gefährlich? Er konnte dennoch der Versuchung nicht widerstehen und schaute wieder durch und auch neben den Rahmen, um einen neuen Effekt der zeitlichen Verschiebung zu entdecken. Und nach kurzer Zeit gelang es ihm immer wieder. Mal war es ein Vogel, der zuerst im Rahmen und dann nach drei oder vier Minuten auch neben dem Rahmen (also in der Realitätswahrnehmung von Bob) erschien. Dann war es nochmals eine Elchkuh, die der ersten Elchkuh in das Sumpfgebiet folgte. Er stellte fest, dass dieser merkwürdige Effekt auch bei den ziehenden Wolken zutraf – also bei allem, was sich im Blickfeld des Rahmens befand..

 

Bob konnte zunehmend besser die „kommenden“ Bewegungen bzw. Ereignisse auf die Zeitverschiebung hin abschätzen. Er merke gar nicht, wie schnell die Zeit verging und er schon mit dem Ding beschäftigt war. Eigentlich sollte er sich fragen, wie und mit welcher Technik so etwas möglich war. Aber Bob war Jäger und entdeckte für sich durch dieses Ding eine ungeheurere Möglichkeit, seine Jagdbeute zu überlisten. Er wusste ja, dass durch den Rahmen die Ankunft eines Tieres um diese drei oder vier Minuten früher angezeigt wurde und er genau „sehen“ konnte, welchen Weg das Tier nahm. Er musste also nur warten, bis wieder eine lohnende Beute im Rahmen erschien und er dann sofort an diesem Punkt für einen Schuss ansaß. Er nahm also neben seiner Schusswaffe dieses Ding mit in sein Jagdrevier und wartete auf das erste Ergebnisse. Nach einiger Zeit zeigte sich im „Rahmenbild“ auch schon der erste Hase in Hecke vor ihm. Bob bewege sich vorsichtig in eine geeignete Schussposition und warte ab. Tatsächlich erschien der Hase in der bekannten Zeitversetzung an der vorher angezeigten Stelle und Bob erlegte auch prompt den Hasen.

 

Bob hatte an diesem Tag noch einige Jagderfolge, die er ausschließlich diesem seltsamen Ding zu verdanken hatte. An den Absturz des Flugkörpers dachte er gar nicht mehr, sondern nur noch daran, wie er diese „Schicksalhafte“ Fügung zu seinen Gunsten weiter ausnutzen konnte. In den nächsten Tagen hatte er noch einige sehr spektakuläre Erfolge bei der Jagt durch die Hilfe des Dings zu verzeichnen. Er nutze das Ding innerhalb weniger Tage fast schon selbstverständlich wie ein gewohntes Werkzeug. Und eigentlich kam ihm erst jetzt der Gedanke, dass Ding näher zu untersuchen, um vielleicht doch etwas über die Funktionsweise heraus zu finden.

 

Auf Bank vor seiner Hütte drehte und wendete er das Ding nach allen Seiten und suchte nach verdeckten Öffnungen und verborgenen Knöpfen oder Schaltern. Es war einfach nichts zu finden. Er drückte auf Verdacht mal hier und dort auf die unterschiedlichen Flächenabschnitte. Er wollte schon damit aufhören, als plötzlich nach einem Druck auf eine Stelle neben den „Henkeln“ oder Haltegriffen? einen Lichtreflex bemerke. Er drückte diese Stelle erneut und wieder kam aus dem inneren des Dings ein schwaches, aber doch gut sichtbares Lichtsignal. Einer Eingebung folgend drückte er auf der gegenüberliegende Seite, am anderen „Griff“ auch fest auf diese Stelle und bekam auch dort sofort eine Rückmeldung in Form eines Lichtsignals.

 

Nicht nur das, sondern auch eine Änderung des „Bildes“ durch den Rahmen! Das „Bild“ im Rahmen zeigte nicht mehr die vor ihm liegende Landschaft in der Nachmittagssonne, sondern den aufgegangen Mond, der aber eigentlich erst in etwa vier Stunden zu sehen sein dürfte. Bob ging zunächst der Gedanke durch den Kopf, dass jetzt sein „Hilfswerkzeug“ zur Jagt kaputt sein könnte. Schnell drückte er nochmals auf diese Stellen um dadurch wieder die ursprüngliche „Einstellung“ wieder zu erreichen. Während er durch Drücken auf der rechten Seite kaum eine Änderung bemerkte, wurde dies durch Drücken auf der linken Seite um so deutlicher. Bob schien es, nein jetzt sah er es tatsächlich, dass nach dem Drücken auf der Seite sich die Jahreszeiten im „Rahmen“ geändert haben. Und Bob fand auch heraus, dass er links und rechts zwei „Drückschalter“ hatte – einmal für vorwärts und einmal für rückwärts in der Zeit.

 

Bob war furchtbar aufgewühlt. Wer konnte so etwas herstellen? Und wie weit konnte er in die Zukunft schauen? Oder in die Vergangenheit? Eines konnte er sofort ausprobieren: Die Vergangenheit. Aber da stellte er fest, dass er nur in die tatsächliche „Istzeit“ zurückstellen konnte. Gut, aber wie weit in die Zukunft?

Er drückte in schneller Abfolge den linken „schnellen Vorwärtsknopf“. Dabei schaute er gleichzeitig durch den „Rahmen“ und sah am ständigen Wechsel der Jahreszeiten, wieweit er in die Zukunft vorankam.

 

Je länger er links vorwärts drückte, je besser konnte er erkennen, dass sich die Landschaft vor ihm auch veränderte. Bäume wuchsen, Bäume verschwanden und jetzt muss ein Sturm eine Schneise in das Waldgebiet geschlagen haben. Jetzt konnte er auch menschliche Aktivitäten sehen. Riesige Maschinen trugen Erde ab und es entstand eine tiefe Fördergrube. Und mit jedem Druck auf den linken Knopf wurde die Landschaft im „Rahmen“ kahler und von Baumaschinen zerfressen.

 

Das konnte Bob nicht länger ertragen. Sein „Paradies“ soll so in der Zukunft aussehen? Er schaltete wieder zurück in Gegenwart und legte den Apparat bei Seite. Dann ließ in diese Vorhersage doch keine Ruhe und er „drückte“ sich in der Zeit nochmals schnell in die ferne Zukunft. Wieder sah er die Änderung zunächst der Jahreszeiten und dann auch der Landschaft. Doch dieses mal erschienen keine Baumaschinen – die Landschaft entwickelte sich zum Urwald!? Er drückte sich noch weiter in die Zukunft und sah, dass sich ein Gletscher über die Landschaft zog?

 

Wieder drückte er sich in Gegenwart zurück und starte dann erneut eine Reise in die ferne Zukunft. Auch diesmal entwickelte sich die Landschaft anders als bei den vorangegangenen Versuchen. Er hielt an einer Stelle an, bei ein Waldbrand wütete. Plötzlich flog ein Falter durch seinen „Rahmen“ und er sah, dass sich darauf hin auch die Zukunftsprojektion im Rahmen änderte. Bob erschrak zunächst, probierte dann aber aus, was passieren würde, wenn er wieder ein Tier durch den Rahmen schicken würde. Mit einer geschickten Handbewegung fing er eine Fliege von der Tischplatte und warf sie durch den Rahmen. Auch dabei veränderte sich die Zukunftsprojektion. Auch der nächste Versuch mit einer neuen Fliege veränderte die Zukunft – oder doch nur die Projektion. Bob fasste jetzt einfach mal mit Hand durch den Rahmen, drehte sich im Kreis und schüttelte das Ding etwas: Jedes Mal änderte sich prompt die Projektion.

 

Bob begriff, dass die Projektion einer Zukunft nicht fest sein kann, sondern von kleinsten Dingen beeinflusst wird. Es bedeutet wohl, dass eine kleine Fliege heute die Zukunft in einigen tausend Jahren beeinflussen kann. Wie viel stärker ist dann der Einfluss von größeren Lebewesen und Ereignissen auf die Zukunft? Für kurze Zeitspannen trafen die Vorhersagen relativ genau zu, aber für weitreichende Prognosen taugt das Ding nicht.

 

Bob kam eine Idee: Wenn in diesem abgestürzten Fluggerät jemand Experimente mit dem Zukunftsvorsageding durchgeführte hätte und diese zu dem Absturz geführt hätten? Er konnte sich das sehr gut vorstellen. Zu welchen verrückten Ideen lassen sich die Leute auch verleiten, fragte er sich. Für ihn war klar, dass er künftig das Ding nur mit der rechten Drückstelle bedienen wollte und damit wieder seinen Jagderfolg sich stellen will. Die linke Drückstelle wird er nicht mehr anrühren – diese Zukunftsaussichten will er sich dann doch lieber ersparen!