Das Ding aus den Wolken

 

 

Bob läuft im Regen zurück zu seiner Hütte. Dieses Wetter ist für die Norden Bay am Reeinder Cove in Alska typisch. Unzählige Wasserläufe und der undurchdringbare Wald machen diese Gegend fast unpassierbar. Aber Bob hat hier jetzt schon einige Jahre zugebracht und sich seit seiner Flucht aus Europa schon zurecht gefunden und überlebt hier in vollständiger Einsamkeit und Selbstversorgung. Jagt, Fischen und Vorsorge für die harten Winter bestimmen seinen Tages- und Lebensablauf.

 

Das Gewitter wird stärker und Bob zieht seinen Pelz fester über die Schultern. Blitze zucken in einiger Entfernung aus den Wolken. Bob richtet den Blick in diese Richtung, um eine mögliche Gefährdung für sich abzuschätzen. Plötzlich zieht eine Rauchspur aus einer Wolke direkt in das Waldstück vor ihm. Das ist eine seltsame Erscheinung für Bob, die er sich nicht erklären kann. Ein Blitz kann das nicht sein, denkt er sich. Es scheint ihm so, ob da etwas vom Himmel gefallen ist. Ein Meteor? Er will auf jeden Fall nachsehen, ob er etwas entdecken kann.

 

Nach einer halben Stunde hat er die Stelle erreicht, von der er annimmt, dass dort die Rauchspur ihr Ende am Boden gefunden haben sollte. Eigentlich müsste doch ein Brandherd oder wenigstens Rauch zu erkennen sein. Aber Bob hatte nicht recht mit seiner Vermutung. Er konnte nichts dergleichen erkennen. Gut, der starke Regen könnte ein Feuer sehr schnell ersticken. Er suchte dennoch sehr gezielt weiter.

 

Als er schon seine Suche aufgeben wollte, entdeckte er etwas, was er so nun wirklich nicht erwartet hat. Zwischen den Bäumen in einem kleinen Krater lag eine Glaskugel von etwa einem Meter Durchmesser. Die abgebrochenen Äste und der frische Erdauswurf aus dem Krater belegen eindeutig, dass diese Glaskugel vor sehr kurzer Zeit hier eingeschlagen sein muss.

 

Es kann aber nicht sein, sagte sich Bob, dass eine GLASKUGEL aus den Wolken stürzt, eine Rauchspur erzeugt, hier einschlägt und NICHT zu Bruch geht! Er geht jetzt ganz nah an die Stelle heran, um näheres zu entdecken. Ja, es sieht wirklich aus wie Glas. Die Kugel ist durchsichtig und im Inneren ist ein weiteres Objekt aus Glas zu sehen.

 

Vorsichtig fasst er mit einer Hand nach der Kugel. Er prüft, ob sie Hitze abstrahlt. Aber dies ist nicht der Fall. Die Kugel fühlt sich so an, wie er sich eine Berührung von Glas auch vorgestellt hat. Allerdings bemerkt er, dass sich das Glas an der Stelle etwas verfärbt, an der er es berührt. Als er mit beiden Händen die Glaskugel umfasste um sie versuchsweise zu bewegen, sprang sie plötzlich auf und gab den Gegenstand innerhalb frei.

 

Bob erschrak und zuckte zunächst zurück. Aber dann fasste er sich ein Herz und hob die innere Glaskugel heraus. Bei näherer Betrachtung stellte er fest, dass die kleinere Kugel einerseits durchsichtig und dann auch wieder nicht durchsichtig wirkte. Beim hochheben erschien ihm das Gewicht der Kugel irgendwie nicht zur Größe und zum scheinbaren Glasmaterial zu passen. Dafür war sie zu schwer. Viel zu schwer.

 

Er beschloss, die kleinere „Glaskugel“ mit in seine Hütte zu nehmen. Er legte sie zunächst auf seinen Tisch in der Blockhütte und legte seinen Pelz ab. Draußen brach jetzt schon die Dämmerung herauf und er musste seine Petroleumlampe in der Hütte anzünden. Als er sich wieder dem Tisch und der „Glaskugel“ zuwandte, bemerkte er, dass von ihr ein seltsames Leuchten aufstieg. Über der Kugel entstand eine Art Nebel, in dem Bewegungen entstanden. Die „Bewegungen“ formten Figuren in den Nebel. Nein, es schien, als ob eine Kulisse entstand und davor Figuren erschienen.

 

Bob war fasziniert. So etwas hatte er noch nie gesehen. Er kannte von früher Kino und Fernsehen – hatte aber seit seiner Flucht aus der Zivilisation nie mehr Gelegenheit gehabt, eine Sendung oder einen Film anzuschauen. Er hatte hier nicht einmal ein Radio, weil er nicht auf Batterien angewiesen sein wollte. Er war also tatsächlich vollkommen von der technischen Entwicklung abgekoppelt. Er fragte sich, ob die Welt da „draußen“ jetzt solche Dinge herstellen konnte? Sollte er hier ein Hologramm sehen? Davon hatte er früher schon mal etwas gelesen. Es musste wohl so sein. Wie kam dann aber dieses „Gerät“ zu ihm in die Wildnis? Wurde es in einem Flugzeug zur Unterhaltung der Passagiere eingesetzt? Ist es aus einem Flugzeug warum auch immer abgeworfen worden?

 

Er wandte sich wieder bewusst der „Vorführung“ aus der Kugel zu. Ja, es hatte sich eine sehr merkwürdige, ja fremdartige Kulisse aufgebaut, die sehr feine und farbige Details zeigte. Davor bildete sich etwas aus, dass eine entfernte Ähnlichkeit mit einer Seeanemone aufwies. Diese „Seeanemone“ bewegte jetzt ihre „Tentakel“ rhythmisch auf und ab und hin und her. Dazu entstanden plötzlich auch Töne aus dem Nebel, die eine sehr bizarre „Musik“ bildeten.

 

Bob war fasziniert. An der „Glaskugel“ waren keinerlei Knöpfe zur Bedienung erkennbar, keine Linsen, keine Lautsprecher. Wo war die Energieversorgung? Wie hat sich das „Ding“ eingeschaltet? Bob nannte das Objekt jetzt „Ding“, weil ihm der Begriff „Glaskugel“ nicht mehr richtig erschien.

 

Die „Vorführung“ ändert nun den Charakter. Die „Seeanemone“ verblasste und nur ein „Tentakel“ bleibt im Bild um etwas zu „zeigen“? Auf jeden Fall ändert sich der Hintergrund, also die Kulisse der Vorführung. Jetzt erschienen in einem rötlichen Ton ein „Himmel“ mit mehreren Sonnen oder Monden. Bob konnte die Bilder nicht in seine Erfahrungswelt einsortieren. Nun schien es, als ob der „Tentakel“ bestimmte Punkte oder Objekte in diesem „Himmel“ besonders hervorheben wollte. Dabei verformte sich der „Tentakel“ zu eigenartigen Figuren. Auch die Töne änderten sich weiter in fremden und teils auch schrillen Klangbildern.

 

Jetzt änderte sich wieder der Hindergrund. Nun war eine Landschaft? zu erkennen, die mit sehr vielen „Seeanemonen“ bedeckt war. Offensichtlich waren diese „Seeanemonen“ animiert, denn sie bewegten sich einigermaßen schnell durch das Bild. Bob war klar, dass dies ein technischer Trick war, da er Seeanemonen aus dem Meer kannte und die bewegten sich nicht von der Stelle!

Überhaupt kam er immer mehr zu der Erkenntnis, dass hier ein „Kunst-Animationsfilm“ abgespielte wurde. Er konnte sich darin erinnern, dass er früher solche Dinge im Kinderfernsehprogramm verfolgt hatte.

 

Auch die folgenden „Szenen“ verstärken seinen Eindruck, dass es sich hier um einen solchen Animationsfilm handeln musste. Mal wurden wieder Sonnen (jetzt kreisten sogar zwei Sonnen umeinander) und Planeten? oder Monde? gezeigt, die in einem rötlichen Himmel rotierten. Dann wechselte das Bild wieder in die „Seeanemonenlandschaft“ und zeigte dort, dass sich einige der „Seeanemonen“ verfärbten und dann auflösten. Und dann kamen Bilder, die noch weniger Sinn machten. Manche Bildfolgen sahen Polarlichtern ähnlich, manche Bilder schienen unter Wasser gedreht worden sein. Und immer wieder erschien die „Seeanemone“ vom Anfang, die ihre „Tentakelfiguren“ formte.

 

Bob störten immer mehr die schrillen Töne aus dem „Ding“. Er hatte das Gefühl, dass sie bei ihm Kopfschmerzen verursachten. Er konnte sich immer weniger vorstellen, dass jemand tatsächlich Spaß an dieser Vorführung haben sollte. Nun, er wusste, dass es schon immer Künstler gab, die die Menschen mit ihrer Kunst eher erschrecken wollten als sie zu erfreuen. Für ihn hier in der Wildnis, in der es jeden Tag um das Überleben ging, war für so etwas natürlich kein Platz. War es gar vielleicht so, dass jemand aus Frust dieses „Ding“ aus dem Flugzeug geworfen hatte? Fest stand, dass es sich nicht abstellen ließ. Bob bemerkte, dass sich mittlerweile – nach cirka einer Stunde „Spielzeit“ – der „Film“ wiederholte. Die einzelnen Szenen wiederholten sich, die „Seeanemone“ machte wieder den Anfang. Wollte der Künstler mit ihr einen „Moderator“ darstellen, der durch diese Verrückte „Sendung“ führte? Für Bob war klar, dass dies gründlich misslungen war. Und der Rest des „Films“ war ja sowieso ein unverständlicher Blödsinn.

 

Wenn er doch das „Ding“ abstellen könnte. Wie lange hält die Energieversorgung? Bob drehte das „Ding“ nach allen Seiten – nichts zu entdecken! Seltsam war auch, dass er das „Ding“ nach allen Seiten drehen konnte, aber das „Nebelbild“ stand immer senkrecht! Verrückt, dachte er bei sich. Außerdem wurde er das unbestimmte Gefühl nicht los, dass das „Ding“ in ihm ein „schlechtes Gefühl“ erzeugte. Er konnte es für sich nicht näher erklären. Eigentlich, das musste er sich eingestehen, machte ihm das „Ding“ Angst. Eine unbestimmte Angst. Die Angst verstärkte sich, je länger der „Film“ lief und sich nun schon wieder wiederholte.

 

Bob hielt es nicht mehr aus. Er musste das „Ding“ abstellen, egal mit welchen Mitteln. Er hob es hoch und schmetterte es mit aller Kraft auf den Boden. Nichts geschah. Der „Nebelfilm“ und die schrillen Töne hörten nicht auf. Er machte sich klar, dass das „Ding“ ja vom „Himmel“ gefallen ist und dabei auch nicht zerstört wurde. Dann musste er eben zu härteren Mittel greifen. Seiner Axt hat bisher noch nichts wiederstanden. Mit voller Wucht holte er aus und traf das „Ding“ auch genau in der Mitte. Doch die Axt glitt ab und das „Ding“ hatte nicht die kleinste Schramme abgekommen. Das war unheimlich! Und seine innere Unruhe – die Angst – stieg bei ihm weiter an. Er konnte sich das wirklich nicht erklären. Warum machte ihm dieser unwirkliche „Film“ und die Töne diese Angst? Wenn es ihm nicht so merkwürdig erschien, würde er sogar behaupten, dass dieses Ding gar kein Mensch erschaffen hat.

 

Nein, jetzt verstieg er sich schon in absolut absurde Gedanken. Dieses Ding macht einen ja total verrückt! Es ist ja auch kein Wunder, sagt er sich. Die ganze Nacht hat er sich damit schon beschäftigt. Und mit jeder Wiederholung verstärkte sich bei ihm die innere Angst (oder eine unbestimmte Abwehr gegen die Bilder und Töne?) Für Bob kam nur eine Lösung in Betracht und die setzte er bei jetzt einsetzendem Morgengrauen auch um. Mit dem ersten Tageslicht macht er sich mit dem „Ding“ auf den Weg zum Ufer der Norden Bay. Dort lag sein Kanu, dass er bestieg und mit dem er auf das offene Meer hinausfuhr.

 

Als er seiner Ansicht nach weit genug vom Ufer entfernt war, versenkte er das Ding im Meer. Beim hinabsinken sieht Bob noch einige Zeit den „Film“ leuchten.

 

Eigentlich sollte er jetzt erleichtert sein. Aber das Gefühl wollte sich bei ihm auch nicht einstellen. Bob verstand sich selbst nicht mehr.

 

Warum entstand jetzt in ihm ein Gefühl der Trauer?

 

Hatte er etwas falsch gemacht?